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Sendepause
Ein Dorf in Spanien verbannt sämtliche Mobilfunkanlagen und erhält viel Zustimmung
MONTILLA, im September. Vor einigen Monaten war Antonio Carpios Geduld am Ende. Der Bürgermeister der südspanischen Stadt Montilla gab dem Telefonkonzern Amena nach langen Verhandlungen genau dreißig Tage Zeit, seine neue Mobilfunkantenne aus dem Stadtzentrum zu entfernen, sonst würde die Stadtverwaltung dies gewaltsam übernehmen. Mehrere Einwohner beschwerten sich schon über Schlafstörungen, Schwindelanfällen und Appetitlosigkeit. Jetzt wartet Carpio nur noch auf die richterliche Genehmigung, das Privatgrundstück betreten zu dürfen. „Wir reißen die Antenne ab, sobald das richterliche Schreiben auf dem Tisch liegt“, sagt der Bürgermeister.
Gewalt gegen Techniker
Montilla ist kein Einzelfall. In ganz Spanien hat sich die Angst vor möglichen Gesundheitsschäden breit gemacht, die die elektromagnetischen Strahlen der Mobilfunkantennen verursachen können. Die Zeitung El País spricht schon von einer Antennenphobie. Der Manager einer Telefonfirma erzählte der Zeitung, der Bürgermeister eines Dorfes habe sich beschwert, dass die Hälfte der Bewohner wegen eines Sendemastes unter Übelkeit und Kopfschmerzen litten. Dabei waren die Antennen noch nicht mal angeschlossen.
In vielen Orten ist das anders. Auf Gran Canaria musste Telefonica nach Protesten einen Sendemast abbauen. Bei Teruel in Ostspanien kappte ein Dorfbürgermeister einer Mobilfunkanlage die Stromzufuhr, Antennentechniker wurden gewaltsam von Reparaturen abgehalten. Ausgelöst wurde die Protestwelle vor zwei Jahren in Valladolid. An einer Grundschule erkrankten innerhalb eines Jahres drei Kinder an Leukämie und eines an Lymphknotenkrebs. Auf dem Dach eines Nachbargebäudes befanden sich 36 Antennen. Ein Richter ließ daraufhin die Funkanlage stilllegen.
Heftige Proteste
Seither wurden viele Gerichtsverfahren gegen die Telefonkonzerne eingereicht. Da viele Antennen abgebaut werden müssen, kommt es schon zu ersten Funklöchern. Auf Grund der wachsenden Angst in der Bevölkerung ordnete Spaniens Regierung sogar an, dass bereits aufgestellte Antennen in der Nähe von Schulen, Kindergärten oder Krankenhäusern ihre Sendeleistung drosseln müssen. Der Protest der Kommunen und landesweiten Bürgerinitiativen beginnt jetzt auch, die wirtschaftlichen Pläne der Telefonfirmen zu gefährden. Die Konzerne müssen für den Ausbau des UMTS-Netzes Tausende neuer Anlagen aufbauen. Doch wegen der vielen Prozesse erhalten sie keine sofortige Genehmigung.
Die Firmen sehen Investitionen von 16 Milliarden Euro gefährdet. Montillas Bürgermeister Antonio Carpio interessiert das wenig. Er hat schon mal per Verordnung regeln lassen, dass alle neuen Mobilfunkantennen mindesten 650 Meter außerhalb der Wohngebiete aufgestellt werden müssen. Zudem müssen die Betreiber eine Haftpflichtversicherung abschließen, in der sie für alle möglichen Schäden aufkommen müssen - auch gesundheitliche. Auch andere Orte sind Carpios Initiative gefolgt und haben ähnliche Verordnungen erlassen.
Erste Telefonfirmen haben bereits reagiert und sind auf die Forderung von Montillas Bürgermeister eingegangen. Doch Carpio hat schon neue Pläne. „Auch wenn wir die Masten nicht abreißen dürfen, die Mietverträge laufen bald aus und kein Dachvermieter wird hier die Verträge verlängern“, sagt er. Die Telefonfirmen bieten nun Extrazahlungen von 6 600 Euro an, Hauptsache der Mietvertrag für die Anlagen wird verlängert. Aber in Montilla bleiben sie stur. Keiner mag die neuen Verträge unterschreiben.
Dennoch ist Bürgermeister Carpio klar, dass sich die Vermutung, die Mobilfunkanlagen lösten Krankheiten aus, nur schwer erhärten lässt. Bisher konnten Forscher weder beweisen noch widerlegen, dass die von den Antennen ausgehenden Strahlen gefährlich sind.
Den wissenschaftlichen Streit könnten bald Richter entscheiden. Eine Richterin aus Alicante hat unlängst ein Unternehmen verurteilt, dass es „Aufgabe der beklagten Firma sei, zu beweisen, dass das Wohnen in den Häusern der Kläger keine Gefahr darstelle“. Montilla ist überall. Spanien könnte bald eine Sendepause drohen.
Von Manuel Meyer
Anmerkung des Mobilfunk Bürgerforum e. V.
Derartige Aussagen der Betreiberfirmen "es bestünden bereits Gesundheitsprobleme, obwohl die Sendeanlage noch nicht in Betrieb ist" sind uns aus Deutschland ebenfalls bestens bekannt. Dies ist eine sehr beliebte Vorgehensweise der Betreiberfirmen, um bereits gesundheitlich betroffene Menschen öffentlich zu diffamieren und die gesamte Situation weiterhin zu verharmlosen. Uns sind jedoch zahlreiche Fälle bekannt, in denen Sendeanlagen (nachweislich durch Kontoll-Messungen) bereits in Betrieb waren, trotz gegenteiliger Aussagen der Betreiberfirmen.
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